Regina Reiters Ziegen verbringen den Sommer auf der Puglalm am Hengstpass – ganz in unserer Natur. Ohne die Ziegen wäre es hier aussichtslos geworden: Sie knabbern genau jene Sträucher und Büsche ab, deren Entfernung sonst Schwerstarbeit bedeuten würde.
Wer auf der Puglalm nach einer Wanderung oder Klettertour Halt macht, hat es gut: die Kampermauer und das Karlkreuz über sich, die mächtigen Haller Mauern auf der anderen Talseite, dazu selbstgemachter Löwenzahnsaft und eine Brettljause von Halterin Siegi Schmier auf dem Holztisch. Nebenan knabbern sich auf der angrenzenden Almfläche zwei aufgeweckte Ziegen von Strauch zu Strauch und interessieren sich sofort für ihre Gäste. Verschmust, neugierig – und mit einer Aufgabe, die weit über das bloße Grasen hinausgeht: Die Ziegen von Regina Reiter retten eine Landschaft.
“Viele kommen wegen der schönen Almwiesen in unsere Gegend. Aber die wenigsten können sich vorstellen, wie das Gebiet ohne Bewirtschaftung aussehen würde”, sagt die leidenschaftliche Landwirtin aus Spital am Pyhrn. Was sich hinter dem Postkartenpanorama verbirgt, lernt man schnell, wenn man Regina zuhört: Vor allem Schwarzerle, Esche und Ahorn würden die offene Weide in nur wenigen Jahren in Gestrüpp verwandeln. “Dort, wo Sträucher wild wachsen können, ist es bald einmal vorbei mit der Aussicht. Sie wachsen schnell höher als du – und wir verlieren diesen Weitblick.”
Das Schwenden, wie man das Entfernen von unerwünschtem Gebüsch, Sträuchern und kleinen Bäumen nennt, war früher selbstverständlicher Teil des Almbetriebs, getragen von Großfamilien, die den ganzen Sommer heroben verbrachten. Heute sind am Hengstpass nur noch eine Handvoll Landwirte übrig, die ihre Tiere auf die Alm treiben. Der Aufwand ist enorm, die Hände zu wenige. Und genau hier kommen die Ziegen als lebendige Landschaftspfleger ins Spiel.
Was früher tagelange Arbeit bedeutete, erledigen die Ziegen nebenbei. Während Rinder und Pferde das Gehölz und Gebüsch ignorieren, fressen Ziegen genau das, was hartnäckig nachwächst und das Gras sowie wichtige Futterflächen verdrängt. “Die Leibspeise der Ziegen sind die Sträucher”, erklärt Reiter. Das Entfernen mit Zähnen ist sanfter als jede Motorsäge. Die Idee mit den Ziegen kam Regina Reiter mit Tierarzt Bernhard Seiberl auf der Suche für die Lösung nach einem anderen Problem: Reginas Rinder hatten sich am scharfkantigen Unterholz wiederholt kleine Verletzungen und entzündete Beine zugezogen. Sie gingen der Sache auf den Grund.
Das Stichwort, das dabei fiel, war: Mischbeweidung. Verschiedene Tierarten gemeinsam auf einer Alm zu halten, ist auch in anderen Gebieten Österreichs üblich. In Oberösterreich hat Regina Reiter das Projekt am Hengstpass wiederentdeckt. “Eine innovativ wiedergefundene Tradition”, schmunzelt die fünffache Mutter, während ihr Sohnemann David eine Ziege an der Leine auf die höher gelegene Koppel führt.
Vor fünf Jahren legte sich Regina erstmals drei Tauernscheckenziegen zu, und als sie vom Hänger auf die Alm entlassen wurden, kam sofort der Aha-Moment: “Sie haben gleich einen ganzen Strauch niedergemäht. Wir haben uns schon gefreut: Das Projekt funktioniert!” Im Jahr darauf zogen sie 30 Bockkitze von Milchziegenbetrieben von Hand groß, um diese auf der Alm einzusetzen.
Die schöne Almlandschaft zu genießen, ist das eine. Sie zu verstehen, das andere. Auf der Alm kommen auch immer wieder Menschen vorbei, die es gut meinen und trotzdem das Falsche tun. “Das Wichtigste ist der Grundrespekt. Dass man diesen gesunden Abstand zwischen Mensch und Tier wahrt. Und dabei immer aufmerksam bleibt: Was machen die Tiere, wie verhalten sie sich?” Sie weist darauf hin, die Wege zu nutzen und Almwiesen zu schonen, die bleiben dem Weidevieh vorbehalten. “Kühe sind Gewohnheitstiere. Sie lernen, wo Menschen langgehen, und wo sie ihre Ruhe haben.” Wer querfeldein läuft, stört dieses Gleichgewicht, kann Nervosität und gefährliches Verhalten auslösen.
“Das ist erwiesen: Tiere brauchen Gewohnheiten – und diese dürfen nicht durch Menschen und noch weniger durch Hunde gestört werden.” Vorhandene Wege nutzen ist kein Umweg, es ist Respekt. Eines wird dabei viel zu häufig vergessen: Ein Weidezauntor wieder zu schließen. “Das ist meine Einser-Regel. Weil es immer wieder vorkommt, dass ein Gatter offenbleibt – und dann plötzlich Kühe auf der Straße stehen. Das ist für Mensch und Tier gefährlich. Wer ein Gatter öffnet, kann es auch wieder schließen!”
Und dann gibt es noch eine Sache, die nicht nur Regina auf den Magen schlägt: Man soll die Tiere aus guten Gründen nicht füttern. Wiederkäuer vertragen kein Brot, keine Gummibärchen, keine Müsliriegel – all das kann schwere Verdauungsprobleme verursachen und der Gesundheit schaden. Vor allem aber verändert das Füttern das Verhalten: Die Esel auf der Alm reagierten irgendwann schon auf das bloße Geräusch eines Reißverschlusses. “Sobald jemand einen Rucksack öffnete, kamen sie angelaufen – und sind dabei nicht vorsichtig. Dann gehört der Rucksack plötzlich ihnen.” Aus Neugier wird Erwartung, und aus Erwartung bloße Gier.
Regina erinnert sich an zwei Pferdeliebhaber, die heimlich Karotten mit auf die Koppel geführt hatten: Als sie diese verstecken wollten, war die Aufregung unter den Pferden plötzlich groß. “Aber wenn ein 800 Kilo schweres Ross etwas will, dann bist du als Mensch chancenlos.” Das Sackerl wurde fallengelassen, die Pferde zerrissen es, um an die Karotten zu gelangen – doch Plastik im Verdauungstrakt ist das Letzte, was einem Pferd guttut. “Ich verstehe, dass man Tiere füttern will. Aber sie freuen sich auch einfach über Respekt und Ruhe. Man muss Tieren nichts geben.”
Bei ihren kastrierten Bockziegen auf der Puglalm ist Streicheln übrigens erlaubt: “Die Ziegen kannst du gar nicht zu viel streicheln. Sie fordert es fast schon ein und fragen immer neugierig: Hey, wer bist du? Was hast du für mich?” Geben sollte man ihnen neben der Streicheleinheit dennoch nichts, und wenn schon etwas: Dann pflückt man etwas Grün oder eine Blume und reicht sie ihnen. Mitnehmen sollte man die Ziegen auch nicht, selbst wenn sie es gerne versuchen und dabei auf höchstem Niveau meckern. Beim nächsten Gatter ist Stopp.
Für Regina Reiter ist die Arbeit auf der Alm keine Pflicht, sondern Berufung. “Das ist mein Leben. Ich liebe die Arbeit mit der Natur. Es ist der gesamte Kreislauf rundherum: Du hast nicht alles in der Hand, musst dich immer wieder anpassen und brauchst eine Flexibilität." Hier fühlt sie sich am Puls des Lebens. “Ich habe hier oben das Glück, meine beiden Leidenschaften verbinden zu können. Diese Natur hat eine andere Dimension für mich.” Es ist kein Zufall, dass sie auch von den Ziegen noch etwas lernt, die gerade eifrig an jungen Fichtenwipfeln naschen: “Immer neugierig zu bleiben!” Sie ist überzeugt: Wer sich die Neugier im Leben erhält – auf andere Menschen, andere Abläufe, andere Denkweisen –, geht offener und reicher durchs Leben. Und die Esel haben eine andere Lektion parat: Gelassenheit.
Dass Gelassenheit manchmal die bessere Antwort ist als jede Diskussion, erlebte Regina erst vor Kurzem wieder. Bekannte kamen auf der Durchreise vorbei und beklagten sich: Der Käse sei zu teuer, die Wurst sei viel zu teuer – in Italien sei das Leben viel billiger, sie würden nun weiterfahren. Und im nächsten Atemzug erzählten dieselben Gäste, sie hätten ihrem Firmkind gerade einen Brillantring geschenkt. “Da habe ich einen großen Unterschied in der Wertigkeit festgestellt. Für manche ist das Essen so nebensächlich – da sind Brillanten wichtiger.”
Für Regina sind es die Momente auf der Alm, die von unschätzbarem Wert sind. Wenn sie mit einer großen Zufriedenheit beobachtet, dass ihr Projekt funktioniert, wie die Tiere bei voller Gesundheit unter dieser Bergkulisse grasen und die Glocken erklingen. “Das ist für mich seit der Kindheit Entspannung pur.”
Die Jausenstation auf der Puglalm bietet 50 Sitzplätze ist auch ideal für Gruppen- und Betriebsausflüge. Sie liegt direkt beim Rundweg “Von Alm zu Alm”. Die große Almenrunde misst rund 5 Kilometer, überwindet rund 145 Höhenmeter und bietet auf der knapp zweistündigen Tour urige Einkehrmöglichkeiten. Die Wanderung ist bestens geeignet für Familien mit Kindern und Naturliebhaber, die wenig anstrengende und kürzere Wanderungen bevorzugen.
Regina Reiter ist Ortsbäuerin aus Spital am Pyhrn im schönen Alpenland. Sie ist fünffache Mutter und betreibt mit ihrem Mann eine Milchwirtschaft. Gemeinsam mit anderen Landwirten führt sie einen Bauernladen. Seit vielen Jahren hält sie Ziegen auf der Puglalm am Hengstpass – eine wiederentdeckte Tradition, die sie mit Leidenschaft und Pioniergeist neu lebt.