Nur wenige Kilometer von Molln entfernt, dort, wo das Naturschutzgebiet Jaidhaus am Tor zum Nationalpark Kalkalpen beginnt, öffnet sich eine Landschaft, die in Europa selten geworden ist. Auf den Bergwiesen blüht und summt das Leben – dank eines Vereins, der bewahrt, was sonst verloren ginge.
Ein paar Schritte genügen. Stefanie Tweraser tritt von der Forststraße nah an eine Bergwiese heran und bleibt stehen. Vor ihr blühen Orchideen, gelbes Habichtskraut und lila Flockenblumen, dahinter erheben sich die Berge der Kalkalpen. Für die meisten Menschen ist es ein schöner Flecken Erde. Für die 32-jährige Nationalparkrangerin ist es auch etwas anderes: ein ganzes Universum.
“Insgesamt bietet so eine Fläche Lebensraum für über 5000 verschiedene Lebensformen”, sagt Stefanie und beugt zu einer selten schönen (und geschützten) Orchidee hinab, einer purpurroten Pyramidenorchis. Seit sie im Biologieunterricht ihr erstes Herbarium gestaltete, hat sie die Pflanzenwelt nicht mehr losgelassen. Es war nur der nächste Schritt, ihr Interesse für die Natur zum Beruf zu machen und sich in ihrer Freizeit im Mollner Verein Bergwiesn zu engagieren.
Es ist alles andere als ruhig rund um sie, hier in diesem kleinen Seitental am Weg Richtung Bodinggraben. Es wird gesummt, gebrummt und gezirpt. Neben Stefanie steht ihr Partner Christian Hatzenbichler; sehr demütig, wie er anmerkt. “Auch wenn ich im Vergleich zu den anderen Lebewesen relativ groß bin, bin ich nur einer von Millionen an diesem Ort”, sagt der Land- und Forstwirt, der nach 16 Jahren als Gymnasiallehrer nun als Naturraummanager beim Land Oberösterreich tätig ist.
Immer mehr Menschen zieht es hinaus an Orte wie diese. Sie suchen Ruhe, Schönheit und das Gefühl, der Natur nahe zu sein. Das begrüßt Christian und erinnert gleichzeitig daran, dass wir in der Natur nur zu Gast sind. “Du rennst bei deinem Besuch auch nicht einfach ins fremde Schlafzimmer”, sagt er, “genauso sollte man sich auf Bergwiesen verhalten.” Gerade zur Narzissen- und Orchideenblüte beobachtet er solche Fehltritte allerdings häufig. Viele Besucher verlassen die Wege, wandern querfeldfein über Wiesen, um ein noch besseres Fotomotiv zu ergattern oder eine Blume zu pflücken, obwohl sie geschützt ist. Was harmlos wirkt, hat Folgen.
Jeder Schritt birgt die Gefahr, später sprießende Pflanzen im feinen Geflecht am Boden zu zertreten und stört ein empfindliches Gleichgewicht. “Wenn du siehst, was da eigentlich passiert”, sagt Stefanie Tweraser, “dann setzt du den nächsten Schritt automatisch etwas vorsichtiger.” Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht auf: Eine seltene und geschützte Orchidee überlebe daheim in der Vase vielleicht zwei Tage, dann sei sie kaputt – und gleichzeitig füge man dem Pflanzenbestand und der Wiese einen großen Schaden zu.
Christian Hatzenbichler fügt einen Gedanken hinzu: “Viele schätzen die Natur und machen dabei genau das kaputt, was sie lieben.”
Der zurückhaltende Schritt ist wichtiger denn je. Denn während viel über das Waldsterben gesprochen wird, ist vom Wiesensterben seltener die Rede. Rund 95 Prozent der einst artenreichen Grünlandflächen Österreichs sind bereits verschwunden – durch Verbauung, Intensivierung in der Landwirtschaft und Verbuschung. Was geblieben ist, sind bunte Inseln, wie hier in Molln. Dass sie noch existieren, ist kein Zufall.
Genau hier setzt der Verein Bergwiesn an, dessen Obmann Christian Hatzenbichler ist. Der Verein bewirtschaftet rund um Molln etwa 140 Hektar solcher Flächen. Bis zu 100 Freiwillige, Zivildiener und Praktikanten helfen jedes Jahr mit. Was Außenstehende oft überrascht: Bergwiesen sind keine unberührte Wildnis. Bereits vor Jahrtausenden hielten Pflanzenfresser die Landschaft offen. Als diese verschwanden, übernahm der Mensch ihre Rolle. Er mähte die Wiesen, gewann Heu für den Winter und schuf damit genau jene Bedingungen, unter denen die außergewöhnliche Artenvielfalt überhaupt erst entstehen konnte. Bis heute hängt ihr Fortbestand von diesem Kreislauf ab. Bleibt eine Wiese sich selbst überlassen, verbuscht sie innerhalb weniger Jahre und viele Pflanzen verschwinden wieder. Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, ist das große Geheimnis der Bergwiesen: Sie brauchen den Menschen – aber auf die richtige Art und zum richtigen Zeitpunkt. Gemäht wird erst, wenn die meisten Pflanzen geblüht und ihre Samen ausgebildet haben. “Würden wir aufhören”, sagt Christian, “wäre diese Fläche in dreißig Jahren wieder dichter Wald.”
Die Arbeit ist körperlich anstrengend: Mit der Sense werden jene steilen Hänge gemäht, die keine Traktoren und Maschinen mehr erreichen; mitunter sogar mit Steigeisen. Mit Rechen wird das Heu zusammengetragen. Verbuschte Flächen werden geschwendet, also von Sträuchern und jungem Gehölz befreit, mancherorts unterstützt von Schafen, Eseln und Ziegen; genauso wie es auch Regina Reiters Ziegen auf der Puglalm am Hengstpass betreiben.
Warum all das so wichtig ist, erklärt Christian mit einem Bild. Die Biodiversität funktioniere wie ein Uhrwerk mit unzähligen Zahnrädern. Fällt eines aus, gerät das ganze System ins Stocken. “Was wir gerade in den letzten Jahrzehnten machen, ist, dass wir den Schnellgang eingelegt haben”, sagt er. “Und das bringt das ganze Getriebe durcheinander. Viele Zahnrädchen sind schon kaputt.” Jede Pflanzenart, jeder Käfer, jeder Pilz erfüllt eine Aufgabe. Verschwindet eine Art, verliert die Natur ein weiteres Stück ihrer Stabilität. “Jede Art ist wie ein Buch, das aus einer Bibliothek des Lebens herausgerissen wird”, ergänzt Stefanie. “Ein Rezept, wie man auf diesem Planeten überleben kann – für immer verloren.” Christian nickt. Auch der Mensch ist nur ein Buch in der Bibliothek, ein kleines Rädchen im Uhrwerk.
Wer mit Stefanie Tweraser und Christian Hatzenbichler entlang einer Bergwiese spaziert ist, sieht am Ende keine bunte Wiese mehr. Man sieht ein kleines Wunder der Natur. Und setzt den nächsten Schritt automatisch etwas vorsichtiger.
In Naturschutzgebieten generell keine Blumen und Pflanzen pflücken – und auch andernorts nichts pflücken, was man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit kennt. Einerseits stehen einige Pflanzen unter Naturschutz, andererseits sind manche der schönsten Wiesenpflanzen hochgiftig. Eine weitere Verhaltensregel liegt Stefanie ebenso am Herzen: keine Spuren zu hinterlassen. Dazu gehört natürlich kein Müll, aber auch keine Lagerbauten und keine Feuerstellen. Und: Besondere Plätze nicht öffentlich teilen. “Wenn du einen stillen Platz entdeckst, der seinen Reiz hat, weil kaum jemand dort hinkommt, dann behalte ihn für dich. Wenn du ihn ins Internet stellst, wird er bald nicht mehr derselbe sein.”