Erst war Susanna Schöberl leidenschaftliche Bergsportlerin. Später wurde sie Jägerin. Heute sieht sie das, was sie früher in der Natur oft übersah – und hilft, Naturjuwele wie den Gleinkersee zu erhalten.
Es ist ein Samstagvormittag am Gleinkersee. Sonnenstrahlen glitzern auf dem smaragdgrünen Wasser, in dem sich graue Felswände, dunkler Bergwald und der blaue Himmel spiegeln. Während die ersten Badegäste auf der Liegewiese ihre Handtücher ausbreiten, spaziert Susanna Schöberl am anderen Seeufer den Wanderweg entlang. Kaulquappen und Saiblinge huschen durchs Schilf, zwischen Wasserpflanzen krabbeln Edelkrebse, ein Falter sitzt an einem Grashalm. Susanna richtet ihren Blick vor allem auf das, was vielen verborgen bleibt, weil sie eine Runde um den See joggen oder zügig hinauf Richtung Dümlerhütte wandern. Der Gleinkersee ist ein kleines Paradies für Badegäste und Wanderer – und gleichzeitig Heimat seltener Tiere und Pflanzen.
Ihr Fernglas hat Susanna noch um den Hals, da sticht ihr etwas ins Auge: eine quietschpinke aufblasbare Insel in Form eines Flamingos mit einer großen “60” als Geburtstagsgruß. Ein Stand-Up-Paddler zieht die “Überraschung” gerade aus einer besonderen sensiblen Uferzone hinaus aufs Gewässer. Susanna geht zur am Seeufer wartenden Geburtstagsgruppe hin und stellt sich vor – als Naturwacheorgan des Landes Oberösterreichs. Ruhig und freundlich erklärt sie der feiernden Runde, warum das gerade hier, in einem als Badeverbotszone ausgeschilderten Naturschutzgebiet, keine gute Idee ist. Was sie zurückbekommt, ist ehrliches Interesse und Verständnis. Denn wenn Susanna über Lebensräume und Kreisläufe spricht, klingt es weniger nach Belehrung als nach echter Begeisterung.
Keine zwei Kilometer vom Gleinkersee entfernt ist Susanna Schöberl aufgewachsen. Als Bergsteigerin, Skifahrerin und Kletterin war die Natur immer ihr zweites zuhause, mit großen Zielen, mit Tempo. Rückblickend nennt sie sich selbst “Naturkonsumentin”. Schutzzonen, Brutplätze, Warnhinweise – im Fokus auf die eigenen Ziele hatte auch sie manches übersehen am Weg zur Pulverschneeabfahrt oder zur Felswand. “Können die Vögel nicht irgendwo anders brüten?” Dieser Gedanke klingt ihr nicht fremd. Er war ihrer.
Dann, im Sommer 2019, löste sich ein Felsblock über dem Einstieg zu einer hochalpinen Klettertour und traf sie am Bein. Susanna, schwer verletzt, wartete stundenlang eingeklemmt in der Randkluft auf ihre Rettung – und formte einen Gedanken: “Wie auch immer das ausgeht: Die Natur hat mir so viel gegeben, viel mehr als sie mir nehmen könnte.” Was folgte, waren 29 Operationen und Jahre der Rehabilitation. Und eine Frage, die sie nie losließ: Werde ich je wieder in die Berge zurückkehren und Skifahren können? Die Antwort war ja. Aber anders.
Gerade die Zeit fern der Berge veränderte ihren Blick. "Je länger ich der Natur fern war, desto mehr suchte ich mein Glück in Dingen aus der Konsumwelt – das neue T-Shirt, die neue Handtasche. Wenn ich im Wald bin, brauche ich praktisch nichts. Ich habe festgestellt: Ich kann nicht ohne die Natur. Sie kann aber ohne mich."
Um der Natur wieder näherzukommen, vertiefte Susanna etwas, das sie schon lange vor ihrem Unfall aus reiner Neugier begonnen hatte: die Jagd. Ursprünglich absolvierte sie die Ausbildung, weil sie als Kletterin und Skitourengeherin die Natur aus einer anderen Perspektive verstehen wollte – und auch, um auf Augenhöhe mit Jägern diskutieren zu können, mit deren Interessen sich der Bergsport nicht immer deckt. Was als Wunsch begann, den eigenen Horizont zu erweitern, wurde zu mehr. “Ich habe so viel gelernt. Über die Natur, über mich – und darüber, wie ich mit ihr umgehe.”
Nach ihrem Unfall fand sie schließlich die Zeit, sich dieser neuen Leidenschaft ganz zu widmen. Heute zieht es sie als Jägerin oft noch vor Sonnenaufgang hinaus in die Wälder – mit Demut und wachem Blick. Wo sie früher vor allem Kletterfelsen sah, erkennt sie heute Schutzgebiete, Reviere und vor allem Lebensräume. “Die Natur ist kein Sportgerät", sagt Susanna. “Ich möchte sie bewusst erleben und verstehen, nicht bloß konsumieren." Vor zwei Jahren legte sie schließlich die Prüfung zum Naturwacheorgan ab und wurde angelobt. Seither unterstützt sie die oberösterreichischen Naturschutzbehörden ehrenamtlich dabei, Bewusstsein für den Wert unserer Natur zu schaffen – und ihr auf diese Weise etwas zurückzugeben.
Die Besitzer und Begleiter des pinken Flamingos begegnet sie am Gleinkersee nicht mit Vorwürfen, sondern mit Wissen: Wer in sensible Uferzone watet, komprimiert dabei unbemerkt die Böden und zerstört empfindliche Vegetation. Wer mit demselben SUP von See zu See fährt, kann blinde Passagiere wie den Erreger der Krebspest oder Quagga-Muscheln aus bereits belasteten Gewässern einschleppen – invasive Arten, die sensible Seenökosysteme verändern und gefährden können, ohne dass irgendjemand es bemerkt. “Meine Aufgabe ist nicht primär, Strafen durch die Behörde anzudrohen – das wäre nur der letzte Schritt. Meine Aufgabe ist es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und zu erklären, warum hier welche Regeln gelten”, erklärt Susanna. Die meisten Verstöße gegen das Naturschutzgesetz seien kein böser Wille, sondern fehlendes Bewusstsein. “Die allermeisten Menschen wollen bloß eine gute Zeit haben. Sie wollen nichts kaputtmachen.”
Besonders wichtig ist ihr dabei, den Blick auf das Unsichtbare zu richten. Etwa wenn Hundehalter ihre Tiere freilaufen lassen, ohne zu ahnen, dass diese oftmals unbemerkt Wildtiere beunruhigen oder gar verletzen. Badegäste wiederum wissen häufig nicht, dass durch neue Verordnungen in geregelten Naturschutzgebieten wie zum Beispiel am Offensee, Langbathsee oder Gleinkersee heute manches verboten ist, was früher noch erlaubt war – etwa Stand-Up-Paddle-Boards oder Schwimminseln. Ein Tipp: Am besten immer vorab informieren, welche Seen unter Naturschutz stehen und an welchen Seen das SUP erlaubt ist – zum Beispiel am Traunsee oder Mondsee. Wer versteht, was sich im hohen Gras, im Schilf oder am Waldrand abspielt, begegnet der Natur automatisch mit mehr Rücksicht und Respekt.
Susannas Rat an Menschen, die draußen unterwegs sind? “Mit Herz und Hirn unterwegs sein. Sich informieren, Hinweistafeln beachten und einfach nachdenken, was mein Schritt bewirkt – im Kleinen wie im Großen, im Sichtbaren wie im Unsichtbaren. Wenn sich alle an die Verhaltensregeln halten, dann ist der Naturraum für alle groß genug.” Denn während der Großteil von uns Menschen die Natur meistens in seiner Freizeit besucht, ist sie für andere Lebewesen – die man sieht, aber auch nicht sieht – der einzige Lebensraum, den sie haben.
Susanna Schöberl, 40, stammt aus Spital am Pyhrn und lebt in Rutzenmoos. Sie ist Immobilienverkäuferin, Bergsportlerin, Jägerin und Naturwacheorgan in Oberösterreich. Den Weg in die Natur begann sie als leidenschaftliche Skifahrerin, Bergsteigerin und Kletterin – nach einem schweren Alpinunfall entdeckte sie die Natur neu: langsamer, bewusster, tiefer.