Die Bad Ischlerin Maria Kittl, Jahrgang 1931, ist seit ihrer frühen Kindheit am liebsten draußen in unserer Natur unterwegs. Das Klettern ist ihr Lebenselixier. Sie nimmt uns mit durch die Ewige Wand im Salzkammergut – jenen Ort, an dem sie sich ihre ewige Jugend bewahrt.
Ein Frühsommertag in Bad Goisern. Über dem Hallstätter See liegt noch der Dunst der Nacht, die Wiesen am Predigstuhl glitzern vom Tau. Hier, an der Ewigen Wand, beginnt für Maria Kittl ein weiterer Klettertag – mit 94 Jahren. Sie steigt aus ihrem Auto am Wanderparkplatz und trägt eine türkisblaue Dreiviertelhose, ein rotes Shirt aus Merinowolle und kurzes Haar, das in der Morgensonne weiß leuchtet wie der Firn im Frühling. Ihre Augen funkeln.
, sagt sie und greift sich ihre zwei Trekkingstöcke. Ihr Bergführer Alex Peer schwingt das Seil um die Schulter. Die Gräser auf der Wiese, durch die sie bedachtsam ihre Schritte setzt, streifen ihre Hüften. Früher einmal war Maria größer als ein Meter fünfzig. Früher. Ja, wie war das Alles früher eigentlich?
Ja, schon. Ich bin seit meiner Kindheit in der Natur unterwegs und wünsche mir, dass sie immer etwas von dem behält, was sie für mich immer war: ein Ort der Freude und der Ruhe. Jede Pflanze ist eine Freude, jede Blume. Draußen wird man einfach entspannter. Ich kann mich noch gut erinnern: Als mich als kleines Mädchen der Keuchhusten packte, kam ich mit meiner Großmutter auf die Postalm oberhalb vom Wolfgangsee. Nach einem Monat in der frischen Bergluft war ich gesund.
Vieles, und ich hoffe, die Natur verändert sich nicht noch weiter. Heute wird leider viel zu viel achtlos in die Natur geworfen. Früher gab es kein Plastik, keine Wegwerfgesellschaft. Eine Flasche hat man allein schon deshalb immer eingepackt, weil man sie fürs nächste Mal wieder gebraucht hat. Und leider merkt man die Klimaerwärmung auch bei uns. Manche Bäume verlieren schon im Sommer ihre Blätter.
Nichts wegwerfen! Den Müll dort entsorgen, wo er hingehört, und sorgsam mit dem Wasser umgehen. Wasser ist kostbar. Man sollte es niemals unnütz rinnen lassen und, wo es geht, auch Regenwasser verwenden. Und wir müssen unsere Wälder schützen und die Natur hochhalten, sie ist nicht selbstverständlich. Ohne Wald hätten wir keine gute Luft und unsere Berge wären nur Schotterhügel.
Sehr viel. Die Bewegung an der frischen Luft ist das Um und Auf. Gerade im hohen Alter, wenn der Körper immer schwächer wird.
Als Junger fliegt dir ja alles zu, und mit dem Alter musst du dir alles erarbeiten. Das Klettern trainiert meine Muskeln genauso wie den Kopf. Und natürlich fasziniert mich die Bewegung.
Oft denke ich mir: Super, dass ich da noch raufsteigen kann! Und allein der Zustieg und die Wanderwege sind super! Einen Abstieg zu Fuß würden meine Knie nicht mehr mitmachen, aber hier an der Ewigen Wand kann ich mich super abseilen.
Marias Herz leistet heute nur noch 30 Prozent. Das spürt sie bei jeder noch so kleinen Steigung. “Würde ich nicht jeden Tag trainieren und turnen, käme ich nicht einmal mehr zur Wand”, erzählt sie, während ihr Atem schwerer wird. Schweigsam wandert sie das Waldwegerl bergauf.
Zehn Minuten später, auf der flachen Forststraße, reitet die Frohnatur wieder wild durch die Jahrzehnte. Erzählt vom Krieg, wie sie vor Hungerleid alte Kartoffelschalen aus dem Kompost fischte. Von der Freiheit auf ihrem Puch-Motorrad, mit dem sie zu Skirennen glühte. Von ihren Landesmeistertiteln. Von den Liebesbriefen, in denen Robert Kittl um die draufgängerische Maria warb. Wie daraus eine Seilschaft entstand – und ein Sohn, der in den Sommerferien während der Kletterurlaube bei ihren Eltern in Bad Ischl bleiben konnte. Es ging nach Zermatt und Chamonix. Sie kletterten auf das Matterhorn. Im Alleingang stieg Maria auf den Mont Blanc. “Über der Welt” habe sie sich dort gefühlt.
Mein Mann Robert war beim Bundesheer angestellt und immer leistungsorientiert. Als er mit dem Langlauf aufgehört hat, wechselte er beim Militär zu den Gebirgsjägern und begann mit der Bergführer-Ausbildung, das war 1960. Der Kommandant kannte mich gut und duldete mich bei den Kursen. Im Geländewagen gab er mir eine Soldatenjacke und eine Kappe, damit niemand sieht, dass eine Frau mitfährt. Ich war Ende 20, sehr sportlich und bin da mit reingerutscht. Unsere erste Tour war am Wilden Kaiser. Unsere zweite Tour die Dibonakante auf der Großen Zinne. So hat es sich aufgeschaukelt.
Wir unternahmen erst alle schweren Touren in unserer Heimat – von der Trisselwand, die Schermberg-Nordwand bis zur Dachstein-Südwand – und waren oft in den Dolomiten unterwegs. Robert hat die damals schwierigsten, neu eingenagelten “Sechser-Touren” ausgesucht, die noch keine Frau durchstiegen hat. Eine Damen-Erstbegehung war damals ein Renommee. Die ist uns auch durch das größte Dach der Welt gelungen, das “Baur-Dach” an der Westlichen Zinne. Vierzig Meter waagrecht in einer wackeligen Trittleiter, das war wild! Ende der Sechzigerjahre wurde ich in Trient (beim Trento Film Festival, Anm.) als eine der besten Kletterinnen der damaligen Zeit geehrt. Ich war aber immer nur im Nachstieg unterwegs, wie die anderen Frauen auch.
Nein, das war kein Thema. Ich hätte mir das nie zugetraut. Die Absicherung mit geschlagenen Haken damals war fürchterlich im Vergleich zu den Bohrhaken von heute. Allein das Sichern, nur mit Schultersicherung. Dass wir diese Zeit überlebt haben, ist eigentlich ein Wunder.
Sorgen habe ich mir viele gemacht, vor allem wegen unseres Sohnes. In die Eiger-Nordwand bin ich nicht mit eingestiegen. Die objektiven Gefahren waren viel zu groß. Einer muss ja überleben, wenn man ein Kind hat. Ich hatte jedoch das Glück, dass Robert so gut war und Risiken präzise kalkulieren konnte. Nach 13 gemeinsamen Kletterjahren hat er dann befunden: “Jetzt sind wir alle schwierigen Touren geklettert. Da gibt’s nichts mehr Höheres! Jetzt müssen wir uns etwas anderes suchen.”
Wir hatten unserem Sohn bereits ein Pferd gekauft und von nun an das Reiten in Linz-Ebelsberg als Spitzensport betrieben. Drei Stunden bin ich oft am Stück geritten. Der Trainer hat sich gewundert: “Dass du das aushältst?!” Dressurreiten ist etwas Pingeliges. Ich sag heute: Der schwierigste Sport ist Reiten. Der gefährlichste Sport für mich war damals Klettern.
Nein, nicht für mich. Ich bin immer mit Bergführern unterwegs, straff von oben am Seil gesichert. Das Jetzt und das Damals, das kannst du nicht vergleichen. Es gab keine so gut abgesicherten Touren wie hier und heute an der Ewigen Wand. Und auch kein Handy mit Wetterbericht. Uns überraschte damals sehr oft ein Gewitter.
Kurz unterhalb des Wandfußes wird es schließlich steiler. Diese armdicke Wurzel: Marias Glücksgriff, um im steilen Erdreich Halt zu finden. Dann die uralte Fichte. Maria lehnt sich an den Stamm und steigt in ihren Klettergurt. “Das ist kompliziert geworden, weil ich seit einem Oberschenkelhalsbruch vor drei Jahren nicht mehr gut auf einem Fuß stehen kann. Ich darf weder stürzen noch umfallen, zu porös sind meine Knochen, zu schwach mein Herz.” Maria wird still auf die Frage, wie der Bruch passiert sei. Dann lacht sie. „Beim Salatwaschen. Ich bin im Garten gestolpert."
Bergführer Alex legt am Einstieg einstweilen das Seil zurecht, damit es sauber durch Marias Sicherungsgerät läuft. “Reise durch das Gelobte Land”, steht darüber am Schildchen. Die Schwierigkeiten liegen meist im vierten, kurz unteren fünften Grad.
Im ersten Moment wusste ich nicht, ob es überhaupt weitergeht. Aber dann fasste ich Mut. Ich habe mir gesagt: Alles, was ich möchte, kann ich noch schaffen. Aus dem Leben gerissen hatte mich damals der Tod unseres Sohnes. Er war 16 und stürzte beim Drachenfliegen in den See. Das habe ich aus meinem Gedächtnis gelöscht, weil es nichts Schlimmeres gibt, als sein Kind zu verlieren. Doch mit der Zeit habe ich wieder meinen Halt gesucht und schließlich im Klettern gefunden. Nach Roberts Tod bat ich Klaus Hoi, mir einen jungen Bergführer zu vermitteln. So kam ich zu Ewald Lidl. Mein Glück! Denn damit begann mit knapp 80 Jahren meine zweite Kletter-Ära – mit Reibungskletterschuhen und Techniken, die ich erst einmal neu lernen musste.
Mit einer unbändigen Lebensfreude klettert Maria durch die 150 Meter hohe Ewige Wand. Die Bewegungen wirken zwar nicht mehr ganz so rund, aber flink klippt sie Expressschlingen, hangelt sich da und dort „A0“ weiter, wie Kletterer sagen, wenn sie sich an Schlingen hochziehen. Mehr als 100-mal ist Maria diese Route nun schon geklettert. „Aber ich muss sagen: Sie wird nicht leichter!“
Ja, seit meiner zweiten Kletter-Ära. Davor lagen 30 Jahre Kletterpause, da war das Reiten. Dazu kommt, dass ich wegen einer Stenose in der Wirbelsäule und großen Schmerzen zehn Jahre nicht aufrecht stehen konnte. Und einen Brustkrebs hatte ich auch. Das ging zum Glück alles gut aus. Mit über 80 Jahren bin ich wieder durch die Dachstein-Südwand geklettert. Und in einem einzigen Jahr habe ich 221 Klettertage gesammelt. Weil ich mir dachte: Jetzt ist es bald aus. Doch es war nicht aus.
Immer dann, wenn meine Bergführer Zeit haben. Denn ich habe ja immer Zeit in der Pension.
In der letzten Seillänge schenkt der Bergführer seiner Kletterpartnerin etwas, was sie in ihrem Leben nicht immer bekommen hat: den Vortritt – und felsenfestes Vertrauen. “Du kannst das”, sagt der Guide vom Wolfgangsee. Ja, Maria kann das. Sie strahlt über das ganze Gesicht, als sie die letzte kurze, einfache Seillänge als Erste am Seil im Vorstieg klettert.
Glückselig erreicht sie den Ausstieg und blickt noch einmal auf ihr Leben zurück. Ja, die Welt hat sich verändert, seit sie als kleines Mädchen erstmals zum Greißler in Bad Ischl einkaufen ging. Kaum Autos auf den Straßen. Kein Telefon. Kein Fernseher. Keine Plastikflaschen, die man in die Natur geworfen hat. Hanfseile statt Hightechfasern. Der Mount Everest noch nicht bestiegen – und heute werden die Berge in Rekordzeiten gestürmt und wir alle, inklusive Maria, tragen Computer in der Jackentasche. Und dann blickt Maria hinaus ins Panorama.
"Im Altersheim hingegen nur Warten aufs Essen? Nein, das mag ich nicht. Ich möchte 100 Jahre alt werden – und immer noch klettern können.” Vielleicht ist das Marias Geheimnis der Langlebigkeit: einen Ort und eine Leidenschaft gefunden zu haben, die einen nie alt werden lassen.